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"glauben und zweifeln"
(Aus der Predigt über Johannes 20, 24-31 am 22. Januar 2006)
1. Zweifeln ist erlaubt
Der Jünger Thomas ist so einer, der es ganz sicher wissen muss. So lange er nicht sehen und fühlen kann, fällt ihm das Glauben schwer. Irgendwie hat er es ja auch besonders schwer gehabt.
Denn er war der einzige Jünger, der nicht dabei war. Der gekreuzigte und auferstandene Jesus hatte sich den Jüngern gezeigt. Alle waren sie beieinander gewesen. Nur Thomas hatte gefehlt.
War das bereits ein Zeichen seines Zweifels? Er hatte die Bericht gehört von den beiden Jüngern, die am Grab gewesen waren, und von den Frauen. Alle hatten gesagt: "Jesus lebt. Jesus ist
auferstanden. Wir haben den Herrn gesehen!" Aber Thomas hatte da so seine Zweifel. War das nicht bloßes Wunschdenken? Wie sollte ein Toter wieder auferstehen? Thomas traute der Sache
nicht. Aber alle anderen waren so begeistert. Deshalb ging er seinen eigenen Weg. Deshalb war er nicht dabei, als Jesus seine Jünger besuchte, durch die verschlossenen Türen hindurch.
Der Zweifler geht seinen eigenen Weg, sondert sich ab. Weil alle anderen völlig überzeugt sind: es stimmt! Und die andern wollen ihn überzeugen. Sie suchen ihn auf und reden mit ihm.
"Wir haben den Herrn gesehen!", so sagen sie noch einmal. Aber Thomas lässt sich nicht überzeugen. Thomas will die Nägelmale in den Händen Jesu sehen und seine Wunden fühlen. Erst dann
kann er glauben.
Liebe Schwestern und Brüder, ich finde es einfach toll, dass diese Geschichte in der Bibel steht. Hätte man ja auch weglassen können, diesen peinliche Auftritts eines Jüngers. Ein treuer
Wegbegleiter auf Abwegen. Das ist doch kein Ruhmesblatt! Oder doch? Jedenfalls ein ganz wichtiges Blatt im Wort Gottes. Es trägt die Überschrift: Zweifeln ist erlaubt.
2. Die Fragen sind endlos
Ich kenne es noch gut von meinen Kindern, das Spiel, dem Papa Löcher in den Bauch zu fragen. "Warum hat der Baum Blätter?" - "Die braucht er zum Atmen und um das Licht der Sonne
aufzunehmen." - "Warum muss der Baum atmen." - "Weil die Luft nötig ist zum wachsen." - "Warum ist die Luft nötig?" - "Versuch doch mal die Luft anzuhalten, das geht nur ein paar Sekunden.
Dann musst du wieder atmen. So ist es beim Baum auch." - "Und warum muss ich atmen?" ...
Ich bin mir da nicht sicher, ob es gut ist, mit dem Fragen aufzuhören. Oder besser gesagt: ich bin mir nicht sicher, ob das Fragen überhaupt einmal aufhören kann. Nicht, weil ich die absolute
Sicherheit erreichen will. Sondern weil ich überzeugt bin, dass das Leben immer wieder neue Fragen stellt. Reicht die Mittlere Reife, oder lieber doch das Abi machen, auch wenn ich nicht studieren
will? Ist mein Job sicher genug, dass wir uns das Auto leisten können? Können wir jetzt schon ein Kind kriegen, oder sollten wir lieber noch ein paar Jahre warten?
Die Fragen gehen nicht aus. Immer wieder brechen sie auf. Und da ist dann auch der Zweifel. Ob ich wirklich an Gott glauben kann? Ob Gott in dieser Welt wirklich etwas verändern kann? Ob
Gott mein Leben bewahrt und segnet? Ich meine: so lange diese Erde besteht, werden die Fragen nicht ausgehen; und solange es Fragen gibt, wird es auch Zweifel geben. Zweifel, der einzelne
Überzeugungen oder Meinungen in Frage stellt. Oder auch Zweifel, der meinen Glauben überhaupt in Frage stellt.
3. Was hilft zum Glauben?
Zweifel ist erlaubt, diese Einsicht kann befreien. Aber Fragen gibt es mehr als genug. Deshalb: Was hilft zum Glauben? Am Ende unserer Geschichte und damit gewissermaßen am vorläufigen
Ende des Johannesev. steht ein bedeutsamer Satz: "Diese Zeichen sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben
habt in seinem Namen." Das erste, was zum Glauben hilft, ist die Bibel. Sie erzählt, wie Gott viele Jahrhunderte lang auf vielerlei Weise den Menschen seine Liebe gezeigt hat: durch die Rettung
aus der Sintflut, durch die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, durch die Rückkehr aus dem Exil; und schließlich durch seinen Sohn Jesus Christus, der unser menschliches Leben geteilt hat, der
für uns am Kreuz gestorben ist, damit Gott uns nicht mehr verdammen muss, sondern retten kann.
Nun wird vielleicht jemand einwenden: aber ich kann nicht glauben, dass die Bibel wahr ist. Wie soll ich dann an Gott glauben? Das ist natürlich ein Problem, denn
wenn die Bibel nicht wahr wäre, wie könnten wir dann etwas Verlässliches über Gott wissen? Doch hier kommt nun das zweite ins Spiel, das uns zum Glauben hilft: das
sind die Menschen, die bereits an Gott glauben und die Bibel für wahr halten. Christinnen und Christen in 20 Jahrhunderten haben die Erfahrung gemacht: Jesus Christus
ist lebendig, Gott ist barmherzig und allmächtig, und die Bibel ist wahr. Heute sind viele da, die an Gott glauben und die Bibel für wahr halten, die täglich in der Bibel lesen,
weil sie in ihr die Richtschnur für das Leben sehen.
Machen sich all diese Menschen etwas vor, haben die Millionen Menschen seit Jesu Auferstehung sich getäuscht ? Hat sich der Jünger Thomas getäuscht, als er die Finger in die Nägelmale
und die Hand in die Seitenwunde Jesu hielt? Ich bin sicher, dass sich diese Menschen nicht getäuscht haben. Und ich verlasse mich selbst jeden Tag darauf, dass Jesus Christus lebendig ist, dass
ich von Gott Kraft und Weisheit und Geduld und Stärke für mein Leben und meine Arbeit bekomme.
"glauben und zweifeln", unser Jahresthema 2006, will einladen, sich auf den Weg zu machen. Es setzt ein "und" zwischen die beiden Worte "glauben" und "zweifeln". Wir können den Zweifel zulassen.
Wir müssen uns den Fragen stellen. Und wir können glauben, weil Gott uns dazu hilft und die Bibel wahr ist. Amen.
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